Alleinsein oder Einsamkeit? Gedanken zum Thema Solo-Reisen.

Warum denn alleine? Hast du keine Freunde mit denen du reisen kannst?

Da bist du doch immer alleine! Das macht doch gar keinen Spaß!

Ganz alleine? Das ist doch einsam!

 

Unter Anderem diese Reaktionen bekam ich in letzter Zeit immer mal wieder zu hören, wenn ich sagte, dass ich auf meiner im März 2013 gestarteten Weltreise, die ich im Juli 2016 in Argentinien unterbrochen hatte, bisher meist solo unterwegs war.

All denen, die sich das Gleiche fragen, stelle ich hier einfach mal die Gegenfrage:

Wieviele Leute, mich ausgenommen, kennt ihr in eurem unmittelbaren Freundes- und Bekanntenkreis, die in den nächsten Monaten eine Weltreise mit dem Fahrrad starten werden?

Ich nehme mal an, da gibt es niemanden. Und falls doch, wieviele von denen wollen demnächst auch nach Argentinien reisen?

So, jetzt wird die Auswahl sicher schon deutlich kleiner.

Und wievielen von denen sind die Erlebnisse, die spontanen Begegnungen, das genießen der Natur und vor allem die Anzahl, der guten Fotos am Ende des Tages wichtiger, als viele Kilometer zu machen?

Jetzt wird sicher keiner mehr übrig sein. Oder etwa doch? Dann immer her mit den Kontaktdaten! Diese Person würde ich gerne mal kennenlernen.

Okay, jetzt mal im Ernst. Erstens ist es schon mal sehr schwer, einen Reisepartner zu finden, der halbwegs das Gleiche zur gleichen Zeit vorhat. Dann muss er auch noch ungefähr die gleichen Interessen haben, will man denn für längere Zeit gemeinsam reisen ohne sich zu sehr verbiegen zu müssen. Es soll ja beiden auch Spaß machen.

Eine lange Reise mit einem Partner, sei es eine Liebesbeziehung oder nur eine Freundschaft, ist die wohl härteste Prüfung für eine Beziehung, die es gibt.

Während der Durchschnittsbürger morgens aufsteht, seinem Schatz ein kurzes Küsschen gibt und sich zur Arbeit verabschiedet und man sich vielleicht erst am späten Nachmittag wiedersieht, ist man auf einer Radreise, den Toilettengang mal ausgenommen, meist 24 h am Tag zusammen. Man steht gemeinsam auf, frühstückt gemeinsam, packt die Sachen gemeinsam zusammen, man fährt gemeinsam, man macht gemeinsam Mittagspause, man beendet die Etappe gemeinsam, man richtet das Nachtlager gemeinsam her und man beendet gemeinsam den Tag vorm oder im Zelt. Und das tagtäglich!

Okay, man kann unterwegs auch mal einen oder mehrere Tage getrennt fahren und gemeinsame Treffpunkte ausmachen, wo man sich dann wiedersieht. Was ganz gut ist, wenn man sich gerade mal wieder gegenseitig auf den Keks geht. Aber im Großen und ganzen ist man in einer Reisepartnerschaft gemeinsam unterwegs.

Ich will damit sagen, man muss in einer Reisepartnerschaft perfekt aufeinander abgestimmt sein und größtenteils die gleichen Interessen haben, damit es wirklich längere Zeit gut geht.

Ich war die ersten sieben Monate auf meiner Reise von Deutschland bis China fast durchgehend mit verschiedenen Reisepartnern zusammen. Die ersten vierzehn Tage durch Tschechien hatte mich mein Vater begleitet, was ich zwar sehr schön fand, aber ich merkte auch deutlich den Altersunterschied. Dann traf ich in Tschechien auf Ludwig aus Bayern, den ich erst drei Wochen zuvor übers Internet kennengelernt hatte. Da wir die gleiche Route nach Asien hatten, wollten wir gemeinsam fahren, solange es uns Spaß macht.

Das es dann bis Kasachstan mehr oder weniger gut ging, hatten wir vorher nicht gedacht. Doch schon nach wenigen Wochen gab es die ersten kleinen Streitereien, wie zum Beispiel bei der Routenwahl oder der Wahl des Übernachtungsplatzes. Ich merkte auch, da Ludwig deutlich weniger am Fotografieren interessiert war, sondern lieber viele Kilometer machen wollte, dass es ihn manchmal ein wenig nervte, wenn er wiedermal auf mich warten musste. Und ich wiederum ärgerte mich, und ärgere mich auch heute noch ein wenig, über manch verpasstes Fotomotiv, weil ich auf Ludwig Rücksicht nahm.

Und gleich am ersten Tag in China traf ich rein zufällig Anja und Peter aus Deutschland wieder, die ich schon einige Wochen zuvor in Georgien getroffen hatte. Gemeinsam fuhren wir einen Monat lang durch China. Erst danach war ich, bis auf wenige Tage, stets solo unterwegs.

 

Und fühlt man sich nun ständig einsam, wenn man alleine reist?

 

Viele denken, wenn man alleine ist, ist man einsam. Doch zwischen Alleinsein und Einsamkeit besteht ein Unterschied.

Alleinsein ist nur ein Zustand. Man ist an einem Ort allein.

Einsamkeit jedoch ist ein inneres Befinden. Man sehnt sich nach Gesellschaft.

Es gibt Menschen, die können viele Tage oder gar Wochen alleine in der Wildnis verbringen, ohne sich je einsam zu fühlen. Und es gibt Menschen, die fühlen sich selbst mitten in einer Menschenmenge einsam, weil sie vielleicht niemanden von den Anderen kennen.

Ich zum Beispiel bin auf einer längeren Radreise mittlerweile gern alleine unterwegs, bin aber nicht der Einsiedler-Typ, der es mag mehrere Wochen alleine in der Wildnis zu verbringen. Bereits nach wenigen Tagen des Alleinseins vermisse ich den Kontakt zu anderen Menschen.

Doch als Solo-Reisender kann ich das Reisetempo selbst bestimmen, muss mich wegen der Route, der Wahl des Übernachtungsplatzes und bei anderen Aktivitäten mit niemandem abstimmen. Und vor allem habe ich genug Zeit zum Fotografieren. Denn jemand der täglich große Distanzen zurücklegen will, hat sicher keine Lust, immer wieder auf den Reisepartner warten zu müssen, weil der gerade wiedermal ein schönes Fotomotiv entdeckt hat. Und andersherum mag ich es auf einer Reise nicht, fast pausenlos im Sattel zu sitzen und immer nur treten, treten, treten….

Auf einer Solo-Reise muss man aber nicht immer alleine sein, wenn man dies nicht mag. Man hat durch Übernachtungsnetzwerke wie Couchsurfing oder Warmshowers, vor allem in Städten, stets die Möglichkeit bei netten Leuten unterzukommen.

Man trifft in touristischen Orten auf andere Reisende mit denen man zum Beispiel etwas gemeinsam unternehmen kann. Man lernt auch viele Einheimische kennen und wird vielleicht sogar für eine oder mehrere Nächte eingeladen. Manchmal trifft man auf andere Reisende, die die gleiche Reiseroute haben und mit denen man einige Tage oder vielleicht sogar Wochen gemeinsam unterwegs sein kann.

Und in Südamerika gibt es die sogenannten ‚Casa del Cicilista‘, zu deutsch ‚Haus des Radfahrers‘. Das sind Privatpersonen oder auch kleine Firmen, wie Fahrradgeschäfte oder eine Bäckerei, die aus reiner Gastfreundschaft oder der Liebe zum Fahrradtourismus den Radreisenden kostenlos ein Dach über den Kopf anbieten. Dort trifft man, vor allem in der Sommersaison auf viele Radreisende zum Plaudern und Spaß haben.

Die Zeiten mit meinen Radreisepartnern habe ich, trotz manchen kleinen Streits und Problemchen, die es in einer Partnerschaft immer mal gibt, sehr genossen. Man hatte jemanden zum Unterhalten, ich hatte viel mehr gelacht, als wenn ich allein bin, und man hatte sich gegenseitig motiviert und bei Problemen geholfen.

Ich freue mich auch immer andere Reisende zu treffen und habe, wenn es passt, kein Problem ein paar Tage oder auch länger mit jemanden zusammen unterwegs zu sein.

Es gab auch Zeiten, wo ich mich einsam fühlte. Wie zum Beispiel, als ich im Mai 2016 auf der legendären Ruta 40 in Argentinien nordwärts radelte. Seit mehreren Tagen hatte ich graues Wetter mit kaum Sonnenschein, manchmal leichtem Regen und kühlen Gegenwind bei Temperaturen von um die 6°C. Die karge Landschaft Nordpatagoniens wirkte noch karger und dünner besiedelter als sie ohnehin schon ist. Ich sehnte mich in diesen Tagen, nach vielen Monaten auf der kühlen Insel Feuerland nicht nur nach wärmeren Temperaturen und Sonne, sondern auch nach jemanden an meiner Seite mit dem ich mich unterhalten und der mich motivieren könnte.

Doch solche Momente gehören meiner Meinung nach zu einer Reise dazu und diese Erfahrungen möchte ich auch nicht missen.

5 Kommentare zu “Alleinsein oder Einsamkeit? Gedanken zum Thema Solo-Reisen.

  1. Find ich auch wichtig, dass man einen Unterschied macht zwischen allein sein und sich einsam fühlen. Dss eine bedingt das andere nicht.

  2. Du hast es sehr auf den Punkt getroffen, wie ich finde – auch wenn meine erste lange Radreise mir erst noch bevor steht.
    Mit jemandem zusammen zu reisen kann mitunter an viele Kompromisse geknüpft sein. Ob und wie viele man davon eingehen möchte, sollte man sich vorher oder spätestens während der Reise gut überlegen. Und trotzdem gilt für mich die Weisheit: „Happiness is only real when being shared“. Beides unter einen Hut zu bekommen, ist die Herausforderung. Und dennoch ist es doch immer wieder erstaunlich, wie vielen Menschen man als Alleinreisende(r) begegnet, mit denen man kleine und große Momente teilen kann. Vielleicht vielen mehr, als wenn man zu zweit reisen würde.

  3. Hallo Sebastian 🙂

    Ein gut geschriebener Artikel zu diesem Thema. Danke Dir von unserer Seite dafür.
    Wir sind seit ein paar Monaten dabei zu zweit die Welt mit dem Fahrrad zu entdecken. Wir genießen das Leben in vollen Zügen und wollen keinen Moment missen. Wir beide passen gut zusammen, auch wenn man sicherlich nicht immer einer Meinung ist. Wir sehen das auch als Chance, sich in solchen Momenten an die eigene Nase zu fassen und Verständnis zu zeigen. Nicht immer einfach ;-).
    Auf der einen Seite sind wir sehr verschieden (Tob mehr der Kreative und Rob mehr der technisch Versierte) und doch haben wir viele gemeinsame Interessen (z.B Fotos vereinen Technik und Kreativität). Wir haben auch schon die Erfahrung gesammelt alleine für 1100 km unterwegs zu sein. War auch eine geile Erfahrung, welche wir auf unserer Reise nicht missen wollen. Jeder hat sein eigenes Zelt und wenn einer mal Ruhe für sich haben will, dann respektiert das auch der andere. Wenn wir Diskussionen hatten, schauen wir uns immer wieder mit einem breiten Grinsen an und sagen uns: „Digger, wir sind gemeinsam bis hier geradelt und haben jeden Tag neue Leute kennengelernt und Gegenden entdeckt. Wo ist unser fucking Problem? Bau dein Zelt doch auf wo du willst! Morgen geht es ins nächste Land – GEIL!“
    Uns waren die Herausforderungen aus gesundem Menschenverstand und aus Berichten anderer Reisenden nicht gänzlich unbekannt.
    Von anderen Reisenden hatten wir den Eindruck, dass es noch mal eine größere Herausforderung ist, wenn man als Pärchen unterwegs ist und wirklich jede Sekunde, auch im Zelt, aufeinander hockt.

    Deine Interessen, von wegen Kilometer sind nebensächlich und Fotos machen ein Muss, sind auch unsere Interessen. Wo es lang geht, spielt bei uns keine große Rolle, weil für uns alles momentan neu ist. Vieles sind Luxusprobleme.
    Vielleicht kennst Du jetzt zwei Kandidaten für die Zukunft 😉 Vielleicht passt es ja mal in den nächsten Jahren?
    Wir können uns vorstellen sowohl alleine zu Reisen, was seine Vorteile hat, wie von Dir sehr gut beschrieben, als auch zu zweit zu Reisen.

    Eine paar Fragen hätten wir noch 🙂 Du bist ja über drei Jahre nonstop unterwegs gewesen? Wie lief es danach? War es einfach wieder einen Job zu finden? Musstest Du dich für deine lange Auszeit bei Bewerbungen rechtfertigen oder trifft man überwiegend auf Verständnis? Wie erging es Dir persönlich plötzlich wieder im Alltagstrott zu stecken?
    Einen Eintrag zu diesen Fragen würden wir auch gerne hier lesen 😉

    Beste Grüße aus Vietnam 🇻🇳
    RobTob 😀

    • Hallo Rob und Tob!
      Vielen Dank für euren ausführlichen Kommentar. Es ist interessant, mal eure Erfahrungen zu diesem Thema zu lesen.
      Zu euren Fragen:
      Erstmal noch vorneweg, ich war nicht drei Jahre nonstop mit dem Fahrrad unterwegs. Ich habe ein Jahr lang in einer Bäckerei auf der Insel Feuerland im Süden Argentiniens, ausgeholfen. Aber ich sehe dies trotzdem als Teil meiner Reise.
      In den ersten Tagen nach meiner Ankunft im Juli letzten Jahres kam mir in meiner Heimat alles ein wenig fremd aber gleichzeitig auch vertraut vor. Der Kulturschock war jedoch nicht so groß, wie vielleicht angenommen wird, da zwischen Argentinien und Deutschland keine so großen kulturellen Unterschiede bestehen, wie zum Beispiel zwischen Deutschland und Indien.
      Ich hatte mich erstaunlicherweise recht schnell wieder eingelebt. Und schon nach zwei Monaten hatte ich wieder einen Job gefunden. Es ist zwar nicht in meinem erlernten Beruf aber das war mir nicht so wichtig, da ich dies von vornherein als zeitlich begrenzten Heimataufenthalt geplant hatte.
      Der Gedanke daran, dass ich bald wieder auf Tour sein werde, hilft wahrscheinlich auch ein wenig, den geregelten, eher gleichförmigen Alltag durchzustehen.
      Zwischen Mitte Juli und den ersten Augusttagen werde ich wieder nach Argentinien fliegen und meine Südamerikareise fortsetzen.
      Ich wünsche Euch weiterhin viel Spaß und Erfolg auf eurer Reise. Vielleicht klappt es ja mal, dass wir gemeinsam fahren/reisen können.
      Viele Grüße aus Deutschland
      Sebastian