Eine kleine Wintertour durch Sachsen und Böhmen, Teil 2

Und hier nun der zweite Teil meiner einwöchigen Wintertour durch das Erzgebirge, über Böhmen bis in den östlichsten Zipfel Deutschlands.

Nur noch -4°C zeigte das Thermometer tagsüber an, als ich bei Decin das Elbtal in Richtung böhmische Schweiz verließ. Eine zusätzliche windschützende Jacke sowie Unterhose mussten gegen die Kälte helfen. Ich bin dann immer froh, wenn es oft bergan geht. Da bleibe ich immer schön warm. Denn auf längeren Abfahrten kühlt man schnell aus. Am Besten ist im Winter ein solch bergiges Profil wie in der böhmischen Schweiz. Kurze, knackige Anstiege und Abfahrten wechseln sich ständig ab. Und da manch kleine Straße teilweise vereist war, war an ein schnelles Bergabfahren sowieso nicht zu denken.

Die Landschaft des Lausitzer Gebirges war eine wahre Märchenlandschaft. Durch die tiefhängenden Wolken wurde in den höheren Lagen ab 400 m Höhe alles dick mit Rauhreif überzogen. Sogar die Sonne schaute genau im rechten Moment ein wenig durch die Wolken. Es war einfach ein traumhafter Tag!
Im böhmischen Teil des Lausitzer Gebirges kam genau im rechten Moment die Sonne ein wenig hervor.Beim Überqueren der Grenze nach Jonsdorf schaute mich ein in ihrem VW-Reisebus langsam entgegenkommendes Frührentnerpaar mit offenem Mund erstaunt an, als würden sie zum ersten Mal einen Radfahrer sehen. Auch die Gäste des Kurcafés in Oybin schauten verwundert aus dem Fenster und fragten sich sicherlich, was sonst noch in ihrem Grog drin war. Einen Radreisenden sieht man hier im Winter scheinbar sehr selten.
Nach vier Nächten Draußen im Zelt freute ich mich, dass ich mich in Hörnitz bei Zittau über ‚warmshowers‘, ein
Übernachtungsnetzwerk für Reiseradler, auf dem Steudtnerhof bei einer sehr netten Bauernfamilie für eine Nacht aufwärmen konnte. Am nächsten Morgen schaute ich nicht nur zu, wie die 60 Milchkühe gemolken werden, sondern habe auch viel Neues zur Milchkuhhaltung erfahren.
Als Endverbraucher macht man sich meist keine großen Gedanken, woher die Milch kommt und auf welche Weise sie produziert wird. Man geht nur in den Supermarkt, kauft den Tetrapack Milch und trinkt sie zu Hause.
Aber es war wirklich mal interessant zu erfahren, welche Arbeit dahintersteckt und auch zu hören, mit welchen Problemen die Milchbauern heute zu kämpfen haben.
Nachdem ich Gustav, den Sohn und zukünftigen Besitzer des Hofes, nach der Haltungsdauer einer Milchkuh gefragt hatte, gab er mir folgendes als Antwort:

„Zur Zeit werden Kühe 4-5 Jahre alt, bis sie geschlachtet werden. Der Grund ist aber meistens eine Erkrankung mit den Klauen (Füßen), dem Euter oder Unfruchtbarkeit. Rein leistungsbezogen gehen Kühe selten ab, da sie mit 6-8 Jahren eigentlich ihre beste Leistung haben. Und vom Alter können Kühe auch 15 bis 20 Jahre alt werden. Das Problem ist oft eine nicht optimale Haltung und Fütterung in Kombination mit dem fragilen körperlichen Zustand, der durch die Hochzüchtung und die starke Belastung durch die hohe Leistung kommt. Milchkühe erfordern mittlerweile ein wahnsinniges Spezialwissen. Das war vor 25 Jahren noch anders. Das heißt, viele Landwirte, die damals gute Arbeit geleistet haben, haben jetzt Probleme. Und auf ältere, stabilere Rinderrassen mit weniger Leistung umsteigen, ist für die meisten keine Option, da der Druck am Markt zu groß ist. Milch ist ein Massenprodukt, die Lieferanten sind völlig austauschbar. Hier hilft nur eine Nische, z.Bsp. Selbstvermarktung oder Bioproduktion. Aber das ist auch nicht in jeder Region möglich und oft sehr arbeitsintensiv. Und wer mindestens 2300 Sunden im Jahr arbeitet (vgl. normaler Arbeitnehmer 1900, wenns viel ist),hat weder Zeit noch Lust auf mehr.

Das ist aber keine Rechtfertigung, für die teilweisen schlechten Bedingungen, in denen Tiere zum Teil gehalten werden. Aber es ist ein verknappter Abriss, wie die Dinge zusammenhängen.
Viele Landwirte sind damit sehr unzufrieden und würden die Dinge gern anders machen, aber wenn es nicht entlohnt wird, geht es nicht.
Und die hohen Subventionen sind nötig, damit bei den niedrigen Lebensmittelpreisen die Landwirte überhaupt noch von ihrer Arbeit leben können. Es wird gut von vielen an der Landwirtschaft verdient. Aber nicht in der Landwirtschaft.
Der Maschinenbauer bekommt seinen Stundenlohn, egal wie der Milchpreis ist. Der Bauer zahlt sich dann halt mal nur 3 Euro Stundenlohn, wenn man den Gewinn auf die Arbeitszeit umlegt.Es gibt sehr starke Diskrepanzen in der Landwirtschaft-Gesellschaft Beziehung, von Bilderbuchidealisierungen an einem Ende und funktionalen, wirtschaftlich straff organisierten Betrieben am anderen Ende. Es ist wichtig, dass beide Seiten ihre Position umfassend darlegen, damit ein Dialog möglich ist. Nötig ist er ganz dringend, da der Unmut auf beiden Seiten wächst. Aber Landwirtschaft ist der Grund, dass ihr alle da draußen leben könnt. Das haben viele vergessen.“
Durch das trübe Wetter lag eine besondere Stille über der Landschaft, als ich entlang der Neiße über Görlitz bis Rothenburg durch das meist flache Oberlausitzer Land fuhr.

Ich mag diese Ruhe, die die Landschaft im Winter bei trübem, trockenem Wetter ausstrahlt. Trotz, dass der Weg teilweise vereist war, machte das Radeln entlang der Neiße Spaß.

An diesem Samstag wirkten die Dörfer und Kleinstädte wie Geisterortschaften. Ich sah kaum einen Menschen auf den Straßen und die kleinen Geschäfte und leider auch die Bäcker schlossen spätestens gegen 10.30 Uhr ihre Türen.

Rothenburg ist eine nette Kleinstadt an der Neiße, die an diesem trüben Samstagmittag wie eine Geisterstadt wirkte.

Doch die Haustür von Jan, ein sehr netter junger Mann und begeisterter Radfahrer aus Niesky öffnete sich für mich für die letzte Nacht auf dieser Tour, bevor ich von Bautzen aus mit der Bahn wieder nach Hause fuhr.


Auch wenn ich lieber bei Sonnenschein und wärmeren Temperaturen unterwegs bin, muss ich sagen, gerade dieses trübe, und glücklicherweise trockene Wetter, hat diese kleine Tour zu etwas Besonderem gemacht, das ich nie vergessen werde.

Und hier noch ein wenig Statistik:

 

Gesamtstrecke: 422 km
längste Tagesdistanz: 64 km
kürzeste Tagesdistanz: 45 km
kälteste Tagestemperatur: -4°C
kälteste Nachttemperatur: -8°C
höchster Punkt: 750 m
tiefster Punkt: 160 m
Und was kommt als nächstes?
Nach den vielen kalten Tagen freue ich mich jetzt erstmal auf den kommenden Frühling, den ich natürlich auch im Fahrradsattel genießen werde. Ob ich aber in den kommenden Monaten noch mal eine mehrtägige Tour fahren werde, weiß ich nicht. Was ich aber ganz sicher weiß, ist, dass ich im kommenden Juli meine Radreise durch Südamerika fortsetzen werde.

 

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